Frater Martin Schröder SJ gibt im Rückblick einen Einblick in seine Erfahrungen im Noviziat, der ersten Ausbildungsphase im Orden. Mittlerweile befindet er sich in der nächsten Ausbildungsphase, lebt in Nürnberg und arbeitet im Ukama-Zentrum für sozial-ökologische Transformation. Er ist dort im Flüchtlingsdienst, im sozial-ökologischen Bereich und in der Pastoral tätig.
Stimmt die Chemie, bin ich zu einem Leben als Jesuit berufen?
Das Noviziat (erste Ausbildungsphase im Orden) möchte ein (Versuchs-)Raum sein, um dieser Frage nachzugehen und eine Antwort zu finden. Dabei werden im Noviziat keine Chemikalien zusammen gemischt, sondern der Novize sammelt Erfahrungen (lat. experientiae, engl. experiences) in unterschiedlichen Einsätzen und Orten.
Was landläufig auch als Praktikum bezeichnet wird, hat auch im Noviziatsprogramm Platz, hier aber in einer Art und Weise, die mehr und zum Teil auch anders ist, als nur zu arbeiten. Im Laufe der zwei Jahre gibt es fünf solcher Experimente, klassischer Weise sind das in dieser Abfolge: ein
Krankenhausexperiment, die Großen Exerzitien und ein Armutsexperiment im ersten Jahr, ein
Pastoralexperiment und ein Studienexperiment im zweiten Jahr.
Hinzu kommt noch ein kleineres Nebenexperiment, bei dem man während der Zeit im
Noviziatshaus für einige Stunden in der Woche einen Sozialdienst leistet (zB. Besuche im
Altenheim, Gefängnis, Wohnungslosenheim oder Erteilen von Nachhilfe).
Alle fünf großen Experimente finden außerhalb des Noviziatshauses statt, während der
Krankenhaus-, Pastoral- und Studienexperimente lebt man üblicherweise in einer
Jesuitenkommunität.
Wie fühlt sich für mich ein Leben und Wirken als Jesuit an? Passt es mit der
Art und Weise des Gemeinschaftslebens in einer Kommunität? Wie gestalte ich dabei mein
Gebetsleben? Für diese Fragen möchten insbesondere diese drei Experimente konkrete
Erfahrungen ermöglichen.
Die Großen Exerzitien sind eine ganz besondere, intensive Zeit für Gott und mich. Für viele sind
diese 30 Tage das Herzstück des Noviziats. Sich enger mit Christus verbinden, der eigenen
Berufung im Gebet und täglichem Gespräch mit dem Novizenmeister nachgehen — das sind
wesentliche Anliegen dieses Experiments.
Im Armutsexperiment geht es darum, selber die Erfahrung von materieller Armut und persönlicher
Abhängigkeit von anderen Menschen zu erfahren und dabei auch auf Gottes Hilfe zu vertrauen.
Das kann auf einer vierwöchigen Pilgerreise ohne Geld und gebuchte Unterkünfte geschehen oder
bei Sozialprojekten für und mit armen, benachteiligten Menschen.
Wie sieht eine solche Experimentserfahrung beispielsweise aus?
In meinem Krankenhausexperiment war ich sieben Wochen in einem Hospiz in Süddeutschland und lebte in einer Kommunität (Wohngemeinschaft von Jesuiten). Im Kontakt mit den Bewohnerinnen und Bewohnern des Hospiz haben sich aus Situationen in der Pflege heraus öfters Gespräche ergeben — auch über persönliche Lebenswege und die Rolle und Bedeutung von Glaube und Religion.
Manche entdeckten Glaube und Gebet am Ende ihres Lebenswegs wieder, für manche spielte es keine oder keine offensichtliche Rolle. Der pflegerische Kontakt hatte diese persönlichen Gespräche in natürlicher, meist unintendierter Weise hervorgebracht.
Nach den Schichtdiensten traf ich in der Kommunität immer wieder auf ein paar Mitbrüder und war im (kurzen) Austausch. Dieser Alltag aus Arbeit im Hospiz und Leben in der Kommunität passten sehr gut für mich. Ein erfahrener Jesuit hat mich in dieser Zeit begleitet und stand bei Fragen zur Verfügung.
Zurück im Noviziatshaus wurde die Zeit insgesamt nochmal offen reflektiert. So war dieses Experiment ein wertvoller, praktischer Baustein auf meinem Weg zur Berufungsklärung.
Autor: Frater Martin Schröder SJ