Die Frage nach dem Sinn

Hallo! Mein Name ist Tobias Nickel.

Ich bin Physiker und Novize bei den Jesuiten. Viele fragen mich: Physik und Glaube – wie geht das zusammen? Die Suche nach einer Antwort auf diese Frage ist Teil meiner Berufungsgeschichte, die ich hier erzählen möchte.

Schon in der Kindheit und frühen Jugend habe ich mir manchmal vorgestellt, wie es wohl wäre, Priester zu werden. Als Priester muss man zwar sonntags arbeiten, aber man leistet einen wichtigen Dienst am Glauben und an den Gläubigen und bereits als Kind war mir klar: Beim Glauben geht es um sehr zentrale und elementare Dinge. Sein Leben in den Dienst Gottes zu stellen, so schien mir, wäre demnach wohl eines der sinnvollsten Dinge überhaupt, die man mit seinem Leben anfangen könnte.

Doch natürlich gab es auch Zweifel. Da gibt es diesen Zölibat und ich dachte mir häufig, dass die Gründung einer Familie mit Frau und Kindern eigentlich auch eine sehr schöne Zukunftsvorstellung wäre. Und so verwarf ich den Gedanken, Priester werden zu wollen, mit der Zeit immer mehr.

Als ich schließlich mein Abitur machte, war der Gedanke an eine geistliche Berufung eher nebensächlich. Bei meiner Studienwahl orientierte ich mich mehr an Kriterien wie: Welches Schulfach lag dir bisher am besten und womit bist du gut aufgestellt für den Arbeitsmarkt? Letztendlich entschied ich mich dafür, Physik zu studieren. In der Physik geht es buchstäblich darum, zu erforschen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Ich spezialisierte mich während meines Studiums immer mehr auf die Elementarteilchenphysik, aber das war mir immer noch nicht elementar genug. Denn je tiefer ich in die Physik vordrang, desto mehr kam mir der Verdacht: Irgendetwas fehlt mir hier.

Gegen Ende meines Studiums stellte sich mir die Frage, ob ich in Physik auch eine Doktorarbeit schreiben wollte. Doch für ein klares Ja fehlte mir ein letztes Quäntchen Begeisterung. Ich war einfach nicht bereit, für die Physik noch einmal mindestens 3 Jahre meines Lebens zu opfern – das ärgerte mich allerdings auch ein Stück weit! Deshalb ging ich auf die Suche nach etwas, das mich nachhaltiger begeisterte als die Physik – etwas, wofür ich bereit bin, mich mit ganzer Leidenschaft und Hingabe einzusetzen.

Recht schnell fand ich heraus, dass dieses Etwas für mich im Glauben liegt. Und auf einmal war er wieder da: Der Wunsch, Priester zu werden. Gleichzeitig gehört aber auch die Physik zu mir. Nun liegen Physik und Theologie gefühlt sehr weit auseinander und manchmal verachten, ja, bekämpfen sie sich gegenseitig. Aber für mich war immer klar, dass beide Wissenschaften im Grunde ein und dieselbe Realität beschreiben müssen, wenn sie glaubwürdig sein wollen. Also muss es gewisse Schnittstellen zwischen der Physik bzw. den Naturwissenschaften und dem Glauben geben. War es womöglich meine Berufung, diese Schnittstellen zu entdecken und ihr großes Potential für die Menschheit nutzbar zu machen?

Mit dieser ersten Ahnung einer Berufung wandte ich mich an meinen Studentenpfarrer. Er gab mir den Tipp, ich solle mich doch mal näher über die Jesuiten informieren. Was ich bereits wusste, war, dass es durchaus schon Jesuiten gab, die sowohl Physiker als auch Priester waren und dass die Jesuiten diverse Schulen und Hochschulen betreiben. Aber ich hatte bis dahin noch nie mit Jesuiten zu tun gehabt. Als ich 2015 dann eine Mail an P. Clemens Blattert SJ, den Leiter der Berufungspastoral, schrieb, nahm ich damit auch zum ersten Mal in meinem Leben Kontakt zu einem Jesuiten auf.

Er lud mich zu einem Infowochenende ein – und von da an lernte ich die Jesuiten immer mehr als intelligente, weltoffene und zugleich bodenständige Menschen kennen. Das machte mir Mut. Neben Bildung und Wissenschaft lernte ich in den Exerzitien und im Thema Glaube und globale Gerechtigkeit weitere Schwerpunkte des Ordens kennen, mit denen ich mich ebenfalls sehr gut identifizieren konnte. Ich nahm selbst an Exerzitien teil, in denen ich noch einmal Zeit hatte, meiner Berufung nachzuspüren.

Der Weg meiner Berufungsfindung verlief nicht immer glatt, doch im Nachhinein bin ich dafür sehr dankbar. Denn immer dann, wenn ich mal wieder einen Umweg eingeschlagen hatte, meldete sich meine Sehnsucht noch stärker und machte mir nochmal klar, wo ich eigentlich hinmöchte. Und so bin ich letztendlich im Noviziat der Jesuiten gelandet.

Man könnte meinen, der Weg meiner Berufungssuche sei jetzt abgeschlossen. Doch dem ist nicht so, denn das Noviziat ist eine Zeit des Kennenlernens und der Prüfung. Im Grunde wird meine Berufungsgeschichte hier im Noviziat weitergeschrieben, sodass ich jetzt einfach mal abschließe mit: Fortsetzung folgt …

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