Experiment Kosovo

Der Novize Christian wurde für sein Armutsexperiment in den Kosovo geschickt. Jeder Novize macht dieses Experiment im Laufe seiner zweijährigen Ausbildung — ganz in Anlehnung an die Erfahrungen, die unser Ordensgründer gemacht hat.

Der Kosovo war für mich eine fremde Welt. Die Sendung in ein Experiment nach Nordkorea hätte in mir wahrscheinlich die selben Gefühle ausgelöst wie die Nachricht, dass ich im Sommer 2018 zum Armuts-Experiment nach Prizren in den Kosovo geschickt werden sollte. Zu sehr haben mich die Bilder aus den Nachrichten im Jahr 1999 geprägt, als in diesem Land „ethnische Säuberungen“ durch Serbien durchgeführt wurden und die NATO schließlich gegen Serbien flog. Wir zwei Novizen brachen mit entsprechend gemischten Gefühlen auf. Allen Sorgen zum Trotz sollte dieses Experiment zu einer der schönsten Erfahrungen, die ich im Noviziat machen durfte, werden!

Bereits während der chaotischen Anreise musste ich einen außerplanmäßigen Zwischenstopp in Zagreb einlegen. Die Mitbrüder dort haben mich herzlich empfangen und die Überraschung war groß, als dort bereits Bier für die „verzweifelten deutschen Novizen auf dem Weg in den Kosovo“ kaltgestellt worden war. Mir wurde dadurch klar, was es heißt, Mitbruder zu sein: Selbst wenn man sich bisher nicht kennt, wissen, dass man zum selben Orden gehört, ähnlich ticken und den Menschen, die da kommen, mit einer gehörigen Portion Offenheit begegnen. Diese Erfahrung hat mich schon vor Beginn des eigentlichen Experiments selbst ein Stück weit geöffnet.

„Offenheit“ kann auch als Überschrift über der Zeit im Kosovo stehen. Meine Aufgabe war es, in einem Projekt, in dem Schülerinnen und Schüler des Loyola-Gymnasiums in Prizren Ashkali (einem Roma-Zweig) grundlegende Bildung vermitteln, zu helfen und zum Ende des Schuljahres ein Sommer-Camp zu unterstützen. Weder die albanische Kultur, noch die der Ashkali war uns vertraut. Umso schöner war es, zu erleben, dass mich sowohl die (albanischen) Schüler*innen des Loyola-Gymnasiums, als auch die Ashkali freundlich und offenherzig aufnahmen. Bereits am ersten Abend war ich bei einer Ashkali-Familie zum Essen eingeladen – es gab eingelegte Weinblätter. Für die Übersetzung sorgte Dini, ein ehemaliger Flüchtling, der sich nach dem Krieg 1999 in Frankreich und Deutschland durchgeschlagen hatte und dabei Deutsch gelernt hatte. Dini wurde eine der wichtigsten Personen in der Ashkali-Community für mich. Die Wertschätzung für seine Übersetzungsdienste wurde durch ein Gehalt, welches ihm das Loyola-Tranzit-Projekt zahlte, ausgedrückt. Ein eigenes Einkommen zu haben, erfüllte ihn zu Recht mit Stolz.

„Armut“ im Sinne von „wenig Geld haben“ habe ich im Kosovo nicht erfahren. Die vierzig Euro, die ich mitgenommen hatte, waren für die dortigen Verhältnisse viel Geld! Ich hätte das Mittagessen (zehn Cevapcici, einen großen Salat und zwei Getränke) für einen Monat damit erwerben können. Armut bedeutete vielmehr Ohnmacht: Ich befand mich in einem extrem korrupten Land, dessen Gesellschaft gespalten ist und das kaum Aussichten auf eine bessere Zukunft hat. Ich hatte den innigen Wunsch, den Menschen, die dort leben und uns in der kurzen Zeit ans Herz gewachsen sind, zu helfen. Aber ich konnten es nicht – Ich konnte ja nicht einmal die Sprache! Ich konnte den Loyola-Schülern keinen Job anbieten, den Ashkali nicht den Sprung in die kosovarische Gesellschaft ermöglichen und einige grausame Schicksale nicht lindern. Ohnmacht war an jedem Punkt gegenwärtig.

Aber ich konnte mitgehen und mich auf die Kultur der Ashkali — besonders diese einzigartige Gastfreundschaft — einlassen. Ich konnte Kontakt zu Loyola-Schüler*innen knüpfen. Sowohl den Ashkali, als auch den Schülern konnte ich auf Augenhöhe begegnen. Das war der große Gewinn dieses Experiments. Dadurch, dass ich den Menschen durch nichts helfen konnte, musste ich ihnen auf Augenhöhe begegnen und wurden somit Teil der Gemeinschaft. Schnell wurde meine Anwesenheit im Ashkali-Viertel selbstverständlich. Ich wurde freundlich gegrüßt und war bekannt. Genauso schnell wuchsen mir die Menschen ans Herz. Aber die Zeit im Kosovo war schnell vorbei. Ich werde mich immer an den letzten Abend im Ashkali-Viertel erinnern: Viele Menschen waren da, als ich ein letzte Mal dort war. Irgendwie konnte ich ihnen klar machen, dass ich morgen zurück nach Deutschland müsse. Ich werde ihre Trauer nie vergessen. „Wann kommst Du wieder?“ fragte mich Labinot, einer von ihnen, der ein wenig Deutsch konnte. Ich wusste nicht, ob ich jemals wiederkommen würde. Als er meine Antwort verstand, sagte er: „Egal, Du bist mein Bruder!“

Im April 2019 haben sich die Jesuiten aus dem Trägerverein des Loyola-Gymnasiums und damit auch aus dem Kosovo zurückgezogen. Mehr zu den Gründen für den Rückzug kannst Du hier nachlesen.

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