Jesuitische Kirchlichkeit

Patrick Zoll SJ ist Dozent für Metaphysik und Praktische Philosophie an der Hochschule für Philosophie in München und zur Zeit als Postdoc an der Saint Louis University in den USA.

Jesuitische Kirchlichkeit ist, erstens, eine päpstliche Kirchlichkeit. Damit ist nicht gemeint, dass sich Jesuiten in besonderer Weise dazu verpflichtet sehen, päpstliche Macht- und Autoritätsansprüche gegen Anfeindungen von innerhalb und außerhalb der Kirche um jeden Preis zu verteidigen. Für Ignatius von Loyola und die ersten Jesuiten war ihre besondere Bindung an den Papst durch ein eigenes Gelübde lediglich der Ausdruck für ihren Wunsch, der Kirche bestmöglich zu dienen, nämlich dort, wo die größte Not ist. Und für sie war klar, dass dies derjenige am besten weiß oder wissen sollte, der mit der universalen Leitung der Kirche beauftragt ist, nämlich der Papst. Päpstliche Kirchlichkeit heißt für Jesuiten also vor allem sich dem universalen Auftrag der Kirche verpflichtet zu wissen. Konkret hat dies vor allem immer bedeutet, dass Jesuiten an der Grenze von Kirche präsent waren, dort wo Glaube und Kirche auf neue Art und Weise herausgefordert wurde, z.B. in den Wissenschaften oder im Dialog mit anderen Kulturen und Religionen. Ganz im Sinne des aktuellen jesuitischen Papstes heißt päpstliche Kirchlichkeit also an die Ränder, die Peripherien, und Grenzen zu gehen, um dort als Brückenbauer („pontifex“) zu fungieren. Gerade in Zeiten zunehmender Polarisierung und Spaltung in unseren Gesellschaften erscheint mir dies wichtiger denn je.

Jesuitische Kirchlichkeit ist, zweitens, eine kritisch-loyale Kirchlichkeit. Ignatius wollte, dass Jesuiten in besonderer Weise mit der Kirche fühlen („sentire cum ecclesia“) und sie lieben. Diese Liebe kann manchmal sehr schmerzhaft sein, etwa, wenn man den Finger in die Wunde legen muss wie der Apostel Thomas dies einst tat. Ein jüngeres Beispiel hierfür ist die Missbrauchskrise der Kirche. Die Liebe zur Kirche macht es erforderlich hier nicht zu schweigen und die notwendigen Konsequenzen und Reformen und einzufordern. Denn nur eine Kirche die dies tut, ist glaub-würdig. Wer also die Kirche liebt und loyal zu ihr sein will, muss kritisch gegenüber ihren Missständen sein.

Die grundlegende Norm für gelingende Kirchlichkeit ist für Jesuiten das Wohlergehen jedes einzelnen ihrer Mitglieder („cura personalis“). Man könnte dies personale Kirchlichkeit nennen. Kirche ist kein grauer Einheitsbrei, sondern eine bunte Gemeinschaft, die darauf angelegt ist und davon lebt, dass jeder in ihr seinen eigenen Weg und seine eigene Berufung findet und sich mit dieser einbringt. Dass dies gelingt, ist nicht selbstverständlich und braucht Übung, weshalb sich Jesuiten sich auch in besonderer Weise verpflichtet fühlen, Menschen beim Üben zu helfen („Exerzitien“) und auf ihren je individuellen Wegen zu begleiten.

Zu guter Letzt ist jesuitische Kirchlichkeit eine inkarnatorische Kirchlichkeit, d.h. eine Kirchlichkeit, die auf Menschwerdung ausgerichtet ist. Dies öffnet den Blick über den Tellerrand der eigenen kirchlichen Gemeinschaft. Was für gesellschaftliche und politische Strukturen stehen der Menschwerdung von Menschen entgegen? Kirche ist somit unvermeidlich politisch, weil nicht jede Politik und jede gesellschaftliche Maßnahme in gleichem Maße Menschwerdung ermöglicht oder förderlich für sie ist. Alles zur größeren Ehre Gottes zu tun (ad majorem Dei gloriam) heißt eben auch, sich für die Verbesserung der konkreten Lebensbedingungen von Menschen einzusetzen, denn die Ehre Gottes ist der lebende – und möglichst lebendige – Mensch wie Ireneus von Lyon schon zu sagen pflegte. Aus diesem Grund setzten sich Jesuiten in vielen Feldern für Gerechtigkeit ein, z.B. in der Flüchtlingsarbeit, in der Abschiebehaft, in politischen Kampagnen oder in der Erforschung besserer theoretischer Grundlagen für die Entwicklungszusammenarbeit.

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