Medard Kehl SJ: Kritisch und trotzdem mit der Kirche

Medard Kehl SJ

Medard Kehl SJ wurde 1942 in Berlin geboren und wuchs mit vier Geschwistern in Bonn Über den Bund Neudeutschland, die heutige KSJ, kam er zu den Jesuiten. Er trat 1961 in den Orden ein, verbrachte sein Noviziat und Philosophiestudium in Pullach bei München, studierte Theologie an der ordenseigenen Hochschule in Frankfurt, promovierte in Tübingen und war zwischen seit 1975 und 2012 zunächst Dozent, später Professor in Sankt Georgen. Seit 2012 ist er emeritiert und lebt weiterhin in der Jesuitenkommunität auf dem Gelände der Hochschule Sankt Georgen.

Wie würden Sie Ihr Verhältnis zur Kirche beschreiben?

Die katholische Kirche ist von Kindheit an für mich mein menschlicher und geistlicher Lebensraum, in dem ich mich zuhause fühle. Also so etwas wie Heimat. Dieses Verhältnis ist natürlich keineswegs immer ungetrübt, das muss man auch sagen. Es gibt immer wieder Ärger, Enttäuschungen, und in der Zeit von Johannes Paul II. und Benedikt war es nicht leicht, Theologe in der Kirche zu sein. Denn es war doch alles sehr eng. Ich bin deswegen in einige Auseinandersetzungen mit dem Lehramt gekommen. Manche davon, auch öffentlich, in den „Stimmen der Zeit“ und „Geist und Leben“, den Zeitschriften der Jesuiten. Was ich aber nie gemacht habe war, mit diesen Konflikten in die öffentliche Presse, also die nichtkirchliche Presse, zu gehen; denn ich wollte auf keinen Fall Druck von außen auf die Kirche durch die Presse ausüben. Das verträgt sich meiner Einschätzung nach nicht mit dem „sentire cum ecclesia“ des Heiligen Ignatius. Und der Grundton bei all diesen Auseinandersetzungen war und ist bis heute doch meine Liebe und Treue zur Kirche. Ich habe ihr viel zu verdanken, das muss ich schon sagen: Einen erfüllenden Beruf, der mir Freude macht, sehr gute menschliche Beziehungen, auch Freundschaften, die ich auf keinen Fall missen möchte

Hatten Sie trotzdem irgendwann mal das Gefühl trotz oder wegen aller Verbundenheit mal „auf den Tisch hauen“ zu müssen?

Ja, Zorn kam schon öfter in mir auf. Das ist keine Frage; aber ich bin nie in so eine Krise gekommen, wo ich sagen musste, ich werf‘ alles hin. Das gab es für mich nicht, Gott sei Dank. Da hielt ich es wie Rahner, der auch nie auf die Idee gekommen ist, aus der Kirche oder dem Orden auszutreten.

Wie hat sich Ihr Blick auf die Kirche im Laufe ihres (Jesuiten-)Lebens verändert?

Mein Blick hat sich im Großen und Ganzen nicht geändert, ist aber realistischer, nüchterner und auch differenzierter geworden. Je mehr ich mit verschiedenen Gruppierungen in der Kirche, mit verschiedenen Personen an unterschiedlichen „Kirchorten“ in Berührung kam, desto differenzierter wurde das Bild. Man muss sehen, die Kirche ist ein so vielfältiges Phänomen: Kirche ist zum Beispiel die katholische Kirche in Verbindung mit den anderen christlichen Kirchen – also die Ökumene. Sie ist vor allem die Kirche des Glaubensbekenntnisses im Credo – gemeint ist die Universalkirche. Oder dann die Kirche als Kirche vor Ort. So habe ich zum Beispiel habe im Laufe meines Lebens in vielen Pfarreien mitgearbeitet. Das war immer mein Grundprinzip: Theologie braucht regelmäßig die Ergänzung durch die Praxis. Lange habe ich Jugend- und Kinderseelsorge betrieben. Insofern ist meine Erfahrung mit Kirche sehr konkret und differenziert geworden.

Was hat die Kirche der Welt heute noch zu sagen und was können die Jesuiten dazu beitragen?

Das ist eine wichtige und gute Frage. Ich würde sagen, das hat die Kirche immer noch der Welt zu sagen, was die Mitte des Evangeliums ausmacht: Die Bergpredigt. Die Bergpredigt Jesu ist wirklich der Kernpunkt unserer Botschaft und unserer Verkündigung. Denn die Bergpredigt veranschaulicht, was es bedeutet, unter der „Herrschaft Gottes“ zu leben, dem Kommen des Reiches Gottes zu dienen. So stellt sich Jesus Herrschaft Gottes, Reich Gottes vor. Zum Beispiel das Thema Vergeltung: Nicht mehr „Wie du mir so ich dir“, sondern wirklich „Wie Gott mir so ich dir“. Es ist ja nicht bloß, „Wenn einer dich schlägt, halt ihm auch die andere Backe hin.“ Es ist nicht einfach alles geduldig hinnehmen, das wäre zu wenig. Sondern es gilt: Das Böse mit dem Guten, durch Liebe zu überwinden, nicht nur durch Duldsamkeit. „Dann gib ihm auch noch den Mantel“ oder „Geh mit ihm dann noch weiter“. Das sind Beispiele für den Versuch, auf diese Weise den anderen zu versöhnen, zum Freund zu bekommen. Oder was ich auch an der Bergpredigt so schätze, ist die richtige Rangfolge unserer Sorgen. „Kümmert euch um das Reich Gottes und alles andere wird euch dazugegeben.“ Diese Sorge um das Kommen der Herrschaft Gottes, dass sich das Reich Gottes zeigt und sichtbar wird – diese Sorge relativiert alle anderen Sorgen, wenn man sie wirklich ernstnimmt und sie in die richtige Reihen- und Rangfolge bringt. Ein Mitbruder von mir hat das mal schön auf den Punkt gebracht: „Der Glaube entmachtet die Angst um sich selbst“. Entmachtet, das ist ein guter Begriff. Er nimmt uns die Ängste nicht weg, die sind noch da; aber sie beherrschen uns nicht mehr total

Was den Beitrag der Jesuiten für die Botschaft Jesu ausmacht, gilt generell für alle christlichen Gemeinschaften, ob Ordensgemeinschaften oder geistliche Gemeinschaften.  Er besteht wohl darin, dies alles in Gemeinschaft glaubwürdig zu leben. So eine Gemeinschaft ist ja auch eine Art Versuchsfeld, wo man genau diese Sachen, die man sonntags predigt, auch ausprobieren kann. Geht das, die Versöhnung? Kannst du dieses „Wie du mir, so ich dir“ überwinden? Kannst du verzeihen?

Und gerade für uns als Theologen gilt, dass wir diese Botschaft Jesu auch reflektieren und immer wieder Ihre Aktualität sichtbar machen.

Medard Kehl SJ

Wie würden Sie das Verhältnis von Jesuiten und Kirche beschreiben – Welche Rolle spielt das „sentire cum ecclesia“ („mit der Kirche fühlen“) dabei?

Wenn man das „sentire cum ecclesia“ einfach wörtlich nimmt, so wie Ignatius das in seinen Exerzitien dargestellt hat, aber auch nicht immer so praktiziert hat, dann kann das einem schon Angst machen, denn dann ist es ja blinder Gehorsam. Das ist es aber faktisch nie gewesen. Heute übersetzt man es einfach, wie es Klaus Mertes SJ auch nennt, mit „kritischer Loyalität“ zur Kirche. Also loyal, das ist meine Kirche, das ist unsere Kirche, das sind unsere Bischöfe, unser Papst. Das heißt wenn wir von der Kirche sprechen, ist es vor allem immer die Teilnehmerperspektive, das „ich gehöre dazu“ und nicht die Beobachterperspektive. Diese sollten wir aber gelegentlich auch einnehmen, um etwas Abstand zu gewinnen und nicht blinder Parteigänger zu sein. Mir ist das 2010 nochmal aufgegangen, als die ganzen Missbrauchsfälle an unserem Canisiuskolleg in Berlin immer weiter hochgekommen sind. In der Zeit habe ich mein letztes Büchlein „Mit der Kirche fühlen“ geschrieben. Da gings mir auch darum, diese Frage anzugehen: Auch mit der sündigen Kirche fühlen? Sentire cum ecclesia peccatrce. Es scheint mir wichtig, auch da mitzufühlen, weil wir ja auch daran teilhaben und selbst auch Teil der sündigen Kirche sind. In „Loyalität“ heißt dann aber nicht, der Wahrheit, auch der schlimmen Wahrheit aus dem Weg zu gehen. Ich denke, das ist eines der wichtigsten Dinge, die die katholische Kirche lernen muss: wirklich ein ungebrochenes Verhältnis zur Wahrhaftigkeit zu entwickeln und nicht so hohe moralische Anforderungen an ihr „Personal“ zu stellen, dass es fast notwendig den Raum für Heuchelei und Heimlichkeiten öffnet. Ich denke mir, wenn da ein Umdenken erfolgt, dann ändert sich vieles.

Aber es ist in allem meine Kirche, ich gehöre dazu. Da kann ich mich ärgern drüber, da kann ich drüber schimpfen und alles. Aber ich stehe dazu und kämpfe für die Wahrheit.

Warum versprechen die Jesuiten dem Papst eigentlich besonderen Gehorsam?

Ja, der Gehorsam gegenüber dem Papst ist wirklich das Concretissimum unseres sentire cum ecclesia. Da wird es ganz konkret. Aber es klingt schlimmer als es ist, würde ich sagen. Das Gelübde hat ja seinen historischen Grund, wie es dazu kam. Ignatius wollte mit seinen ersten Gefährten rüber ins Heilige Land, um da zu missionieren, aber es kam kein Schiff. Sie kamen nicht weg von Venedig. Da war nichts zu machen. Und dann saßen sie da und fragten sich: „Was machen wir denn jetzt?“ und dann kamen sie auf die Idee „Fragen wir den Papst, der hat den besten Überblick über die Kirche, wo er uns gebrauchen kann und wo wir gut arbeiten können.“ Und so kam dann dazu, dass wir neben Armut, Keuschheit und Gehorsam noch ein viertes Gelübde ablegen, nämlich den Gehorsam dem Papst gegenüber „circa missiones“ versprechen; aber gegenüber den Aufträgen, den Sendungen des Papstes also.

Nur spektakulär ist das selten. Normalerweise weist der Papst den General auf ein mögliches Aufgabenfeld hin und der Orden greift das dann auf. Ich kenne im Augenblick keinen einzelnen Jesuiten in Deutschland, dem der Papst einen extra Auftrag gegeben hat. Also von daher ist dieses Gelübde für uns im Grunde keine Extra-Belastung, sondern es macht das „sentire cum ecclesia“ in bestimmten Situationen ganz konkret.

Welche Haltung erscheint Ihnen in Hinblick auf eine Kirche hilfreich, die vielen Anfragen ausgesetzt ist?

Ja, also zuallererst jedenfalls nicht apologetisch sein. Das heißt: Nicht immer nur alles, was die Kirche sagt oder lehrt, verteidigen und rechtfertigen wollen, das ist kontraproduktiv. Da wirkt man einfach nur als „Parteigänger“, dessen Urteil nicht ernst genommen wird. Auf Grund dessen geht es darum, in jedem Fall zu differenzieren, zu unterscheiden in einer Sache. Das ist eben auch spezifisch jesuitisch. Wie man es auch beim Papst sehen kann, eines seiner Lieblingsworte ist „Unterscheiden“: Unterscheidung der Geister, Unterscheidung der Situationen. Also zu unterschieden: Wo sind vernünftige Anfragen, wo ist Kritik berechtigt, wo müssen wir sie aufgreifen, wo können wir zustimmen. Oder wo können wir etwas erklären, historische Hintergründe kirchlichen Handelns aufzeigen, was steckt dahinter. Das sind ja oft historische Dinge, die man gar nicht so kennt. Und das so zu erklären, dass Verständnis für bestimmte kritische Punkte geweckt ist. Aber auch da wiederum Vorsicht: Nicht für alles und jeden Verständnis wecken wollen. Das wirkt dann wieder so apologetisch und meist abstoßend, als ob man das Schlechte schönreden möchte.

Muss ich die Kirche – komme was wolle – verteidigen?

Um Gottes willen, nein. Das wäre ganz schlecht. Nein, nein. Dann wärste doch für viele gar nicht mehr Gesprächspartner, dann wärste Partei.

Wie kann ich meine Kritik an der Kirche angemessen äußern?

So dass man merkt, ich trete nicht in der Pose des Anklägers, des Besserwissers auf oder rede nicht in einer Sprache, die der Polarisierung dient; sondern versuchen, Polemik zu meiden. Das war immer auch mein Anliegen, wenn ich kritische Artikel geschrieben habe. Dass ich versucht habe, eine Sprache zu sprechen, die auf Versöhnung angelegt ist. Das habe ich von Taizé gelernt. Das ist eine Sprache, die eben auch nicht Fronten aufbaut, sondern die versucht, im Dialog mit den Andersdenkenden zu treten. Schön wäre es, wenn man das auch bei der Kritik an der Kirche und auch gegenüber dem was man nicht gut findet, hinbekommt, weil man ja auch weiß, dass es viele gibt, die vielleicht genau das gut finden. Deswegen darf ich meine Sprache nie so scharf machen. Eher möglichst darauf bedacht sein, gemeinsam nach Reformen zu suchen.

Medard Kehl SJ
Was würden Sie einem Interessenten heute raten, der mit der Institution Kirche seine Schwierigkeiten hat?

Eine Zeitlang versuchen, eine konkrete Erfahrung von Kirche im Raum einer kleineren Gemeinschaft von Menschen in der Kirche zu machen, da einfach mal mitzuleben. Das habe ich auch früher immer empfohlen. „Komm doch nach St. Georgen, leb doch mit uns hier für ein paar Tage.“

Und dann empfehle ich auch gern, wenn man so mit der Kirche, mit ihren Strukturen und manchen theologischen Aussagen hat nicht zurechtkommt, in einem der caritativen oder sozialen Werke der Kirche mal mitzuleben. Hier wird Kirche sehr konkret und praktisch. Ich würde sagen, das ist immer noch das stärkste evangelisierende Moment von Kirche. Da verkündet sie die Botschaft glaubwürdig auch für Menschen, die sonst mit all dem nicht viel zu tun haben.

Oder auch mit einem glaubwürdigen Christen, so wie das bei mir war, über längere Zeit im Gespräch sein, Briefe austauschen und ihn auch mal besuchen. So war das bei mir, bevor ich in den Orden eintrat. Ich kam mit einem jungen Jesuiten aus Sankt Georgen ins Gespräch. Den hat unser Gruppenpater in der KSJ damals für ein Sommerlager mitgenommen. Und da ist dann richtig eine Freundschaft draus entstanden. Das war natürlich leichter, mit ihm über alles, was mich interessierte an Kirche und Orden zu reden, als mit dem älteren Gruppenpater, der die Gruppe in Bonn geleitet hat.

Warum sind Sie auch heute noch gerne Jesuit?

Ja, einfach weil mich diese Gemeinschaft durch fast 60 Jahre getragen hat und immer noch verlässlich trägt; das ist gerade im Alter sehr beruhigend, dass man weiß, hier bin ich geborgen, hier bin ich zu Hause. Und, das kommt noch dazu: Das gemeinsame geistliche Leben hält in mir Glaube, Hoffnung und Liebe lebendig, also das, was den Sinn des Christseins ausmacht. Das wird im Alter keineswegs leichter. Denn je näher das Ende kommt, umso mehr melden sich auch Fragen, Zweifel, Ängste; und da ist es auch gut, wenn man morgens mit denselben Leuten immer in die Messe geht und bei den Mahlzeiten miteinander ins Gespräch kommt oder sich auch dabei langweilt…Ein besonderes Geschenk ist es, dass ich hier ständig in Kontakt treten kann mit verschiedenen Generationen. Das hält ja auch den Geist lebendig. Du wirst immer wieder herausgefordert und kannst dich nicht einfach zurückziehen. Und insofern kann ich mir nichts Besseres vorstellen, als in dieser Gemeinschaft alt zu werden und zu sterben. ’Dabei begleiten mich ja auch so viele Freunde im Orden. Sie habe ich zum Teil schon seit der Ausbildungszeit vor vielen Jahren. Durch unsere gemeinsamen Jahre im Noviziat, im Philosophie- und Theologiestudium und schließlich auch hier in Sankt Georgen sind Freundschaften gewachsen, die bis heute tragen. Das ist wirklich schön.

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