„Und wofür soll das gut sein?“

Der Jesuit Manfred Grimm studiert seit 2017 wie fast alle Scholastiker Philosophie in München. Aber nicht nur das, denn er hat sich dazu entschieden, zusätzlich noch Kunstgeschichte zu studieren. Über seine Erfahrungen mit dem Doppelstudium berichtet er in diesem Artikel.

Vermutlich haben alle Studierenden einer Geistes- oder Kulturwissenschaft diese Frage schon irgendwann einmal zu hören bekommen. Auch als Jesuit bleibt sie einem nicht erspart. Es bleibt wichtig, sich dieser Frage zu stellen, auch wenn die Philosophie für einen einfach zur „Standardausbildung“ gehört.

Seit über zwei Jahren studiere ich nun in München Philosophie und Kunstgeschichte. Was das für meine spätere Arbeit bedeuten wird, weiß ich nicht. Ist das deswegen vertane Zeit? Ich glaube nicht, sondern vertraue dem Orden und hoffe, dass die Studien schon nützlich sein werden.

Unsere Ausbildung hat zwei große Dimensionen. Eine ist natürlich die fachliche: wir studieren oder arbeiten, um gewisse Fähigkeiten zu erwerben. Die zweite Dimension zielt auf unsere persönliche und geistliche Entwicklung. Wir müssen herausfinden, ob wir tatsächlich das leben können, was wir nach dem Noviziat versprochen haben. Beide Dimensionen wirken natürlich wechselseitig aufeinander ein. Die inhaltliche Ausbildung prägt und bereichert die Entwicklung. Andererseits beeinflusst die persönliche und geistliche Seite auch, wie und was wir lernen.

Bewähren und Vertiefen

Aber wie war das eigentlich bei mir? Direkt nach dem Abitur, das ich nach meiner Berufsausbildung nachgeholt habe, trat ich ins Noviziat ein. Deswegen wurde das Philosophiestudium an der ordenseigenen philosophischen Fakultät in München mein erstes Studium. Nachdem ich ein Semester ausschließlich Philosophie studiert hatte, bat ich darum, daneben noch ein Kunstgeschichtsstudium an der Ludwig-Maximilians-Universität aufnehmen zu dürfen.

Zwei Dinge haben mich dazu motiviert: Einmal wollte ich, nachdem ich einen ersten Eindruck von der Philosophie bekommen hatte, gerne noch ein Fach dazu nehmen, das sich mit konkreten Objekten auseinandersetzt – das habe ich in der Kunstgeschichte gefunden. Mindestens genauso wichtig war mir auch, an einer ganz normalen staatlichen Universität zu studieren, um auf diese Weise eine Realität kennenzulernen, die sich von der „Jesuitenblase“ unterscheidet.

Mit dieser Kombination bin ich nun geraume Zeit unterwegs. Demnächst steht der Abschluss in Philosophie bevor, darüber bin ich ziemlich froh. Ich durfte viel lernen, aber meine Zukunft sehe ich hier nicht. Die Philosophie ist für mich eher eine „Durchgangsstation“. Ihr gegenüber steht die Kunstgeschichte, insbesondere die Arbeit mit den Kunstgegenständen, die oft eine Mischung aus möglichst nüchterner Betrachtung und Rätselraten ist, die mir Freude bereitet. Aber auch sie ist nicht meine Hauptaufgabe, sondern eher eine Zugabe.

Auf der fachlichen Seite habe ich einiges über die unterschiedlichen Perspektiven der beiden Fächer und ihre Berührungspunkte lernen können. Auf ihre jeweils eigene Weise sagen sie beide viel darüber, wie wir uns und die Welt verstehen können. So spannend das auch ist, erscheint es mir nicht der wesentliche Punkt zu sein. Wissen und Fähigkeiten zu erwerben ist wichtig, doch genau so bedeutend ist die Frage, was dieser Ausbildungsabschnitt für die Entwicklung meiner Berufung bedeutet.

Die Frage nach dem Warum

Der Umstand, zwei Fächer zu studieren, von denen keines unmittelbar verwertbar scheint, wirft mich auf die Überlegung zurück, weswegen ich „das alles“ mache – weswegen ich Jesuit bin. Diese Spannung beinhaltet für mich eine wichtige (geistliche) Entwicklungsaufgabe. Wenn ich darüber nachdenke, wird recht schnell klar, dass Studium oder Arbeit allein, nicht der Grund dafür sein können, Ordensmann zu sein. Am Ende der Suche steht der schlichte, aber schwerwiegende Grund, dass ich ein Versprechen gegeben habe, diesem Orden und durch ihn Jesus treu zu sein. Das Studium ist auch eine Zeit der Bewährung meiner Entscheidung. Sie trägt dazu bei, Motivationen und Gründe weiter zu klären, mithilfe der neuen Sichtweisen, die sich aus den Studien ergeben. Dazu ist es unmittelbar gut. Und alles Weitere wird sich zeigen.

 

 

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