Was macht ein Jesuit im Kurdistan? Teil 1

Pascal Meyer kommt aus der Schweiz, ist 2013 ins Noviziat eingetreten und seit 2015 Jesuit. Nach dem Philosophiestudium in München ist er nun in Genf im Magisterium. In zwei Beiträgen berichtet er davon und nimmt Dich mit in den Kurdistan.

Seit fünfeinhalb Jahren bin ich Jesuit. Jeder meiner bisherigen Ausbildungsabschnitte hat mich in bisher unbekannte Teile der Welt geführt: Zum Armutsexperiment in Nordalbanien, in die Flüchtlingscamps der libanesischen Bekaa-Ebene oder an die Dühnen der Kurischen Nehrung.  Das ist auch im sogenannten Magisterium nicht anders. Das Magisterium ist fester Bestandteil einer Jesuitenausbildung und kann als Praktikumszeit gesehen werden. Während zwei bis drei Jahren arbeitet man in einem Werk der Jesuiten und gewinnt damit praktische Erfahrung für das künftige Arbeitsleben als Ordensmann. Seit September 2018 arbeite ich als Magistrant bei Jesuit Worldwide Learning (JWL) in Genf. Es handelt sich um ein internationales Bildungsprojekt der Jesuiten. Wir wenden uns dabei an Flüchtlinge und ausgegrenzte Menschen in den Krisenregionen der Welt. Die Bildung vermitteln wir online in Zusammenarbeit mit verschiedenen Hochschulen. Im Bereich von digitalisierter Hochschulbildung leisten wir Pionierarbeit. Um das Wohl der Studenten vor Ort kümmern sich unsere lokale Koordinatoren und Tutoren.  JWL ist mittlerweile  erfolgreich in sechzehn verschiedenen Ländern präsent und hat rund fünftausend Studenten. Davon sind die Hälfte Frauen – eine weitere Pionierleistung vor allem in patriarchal geprägten Gesellschaften wie in Afghanistan. Somit stellt JWL eines der größten Bildungsprojekte der künftigen ECE-Provinz dar.

In meiner Arbeit gehe ich regelmäßig auf Reisen, ich nenne sie selbstbewusst „Missionen“. Das bedeutet nicht, dass ich dabei mit erhobenem Kruzifix und Jakobsmuschel auf Menschen losgehe. Am Anfang steht immer die Inkulturation, d.h. das Anpassen und Wertschätzen der fremden Kultur, der wir begegenen. Das ist ganz in der Tradition der Jesuiten. Ende Januar brach ich ins „wilde Kurdistan“ auf. Der Auftrag lautete, die verschiedenen Bildungsprojekte von JWL in der autonomen Region Kurdistan im Irak zu besuchen und gute Beziehungen zu unseren Studierenden und Koordinatoren aufzubauen. Zugegeben: Mein Magisterium bei JWL hat bei einigen Mitbrüdern das Bild der „Reisegesellschaft Jesu“ nochmals verstärkt. Schließlich durfte ich seit September 2018 bereits vier unterschiedliche Länder besuchen, das klingt nach Jetset und Abenteuer. Hinter der häufigen Reiserei steckt aber mehr als das Abenteuer. Als internationaler Hochschulseelsorger kümmere ich mich um die persönlichen Beziehungen zwischen Studenten und unserem Hauptsitz in Genf. Da steckt viel Beziehungsarbeit drin. Klingt leicht, ist es aber nicht. Vor jeder neuen Begegnung muss ich unterschiedliche kulturelle Eigenheiten beachten: Ein fester Händedruck oder eine Kombination aus Roger-Federer-Handschlag und Händeschütteln? Ein dreifacher Begrüßungskuss oder eine simple Umarmung? Ist mein Gegenüber eine Muslima oder ein Christ? Eine Chaldäerin oder ein Syrer? All diese Details können für das Gelingen der ersten Begegnung entscheidend sein – Fettnäpfchen-Gefahr inklusive.

Aber braucht es diese intensive Beziehungsarbeit überhaupt? Ich glaube ja, denn die Evaluation ist ein wesentlicher Teil gelungener ignatianischer Pädagogik, der sich JWL verpflichtet hat. Evaluation gelingt aber nur, wenn wir in Kontakt mit unseren Studierenden stehen. Fragebögen am Ende des Semesters ausfüllen ist sicherlich eine gute Sache. Von einer Studentin eine persönliche Rückmeldung zu unseren Kursen zu erhalten ist besser. Denn einerseits verpflichtet mich diese direkte Beziehung emotional, den Rückmeldungen hohe Priorität einzuräumen. Anonyme Evaluationsbögen tun das nicht. Andererseits fühlen sich unsere Studierenden ernst genommen und können ihre Stimme geltend machen. Das ist insbesondere dort wichtig, wo Menschen aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Religion, ihrer Hautfarbe oder ihrer Herkunft von der Gesellschaft ignoriert werden. Als JWL Seelsorger ist man deshalb automatisch auch Anwalt für die Studierenden. Das geht aber nur mit einer guten Vertrauensbasis. Dafür braucht es intensive Beziehungsarbeit. Daher mein Plädoyer: Beziehung wagen!

In zwei Wochen geht es hier weiter, dann wird Pascal noch mehr aus dem Kurdistan und von seiner Arbeit für JWL berichten. Wenn Du jetzt schon mehr erfahren möchtest, kannst Du bei Youtube vorbeischauen, dort vloggt Pascal regelmäßig über sein Leben als Jesuit.

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