Was macht ein Jesuit im Kurdistan? Teil 2

Pascal Meyer kommt aus der Schweiz, ist 2013 ins Noviziat eingetreten und seit 2015 Jesuit. Nach dem Philosophiestudium in München ist er nun in Genf im Magisterium. Im zweiten Teil seines Berichtes geht es um seine Erlebnisse im Kurdistan und darum, wie wichtig es ist, die Lebensgeschichten geflüchteter Menschen zu hören. Den ersten Teil seines Berichts findest Du hier.

Seit 2017 sind die Jesuiten in fünf verschiedenen Standorten Kurdistans mit Hochschulbildung präsent: In der chaldäischen Stadt Alqosh, in der muslimisch konservativen Stadt Dohuk, im syrisch geprägten Flüchtlingscamp Domiz, in der pulsierenden Kurdenhauptstadt Erbil und im jesidisch geprägten Khanke Camp. Jeder Standort birgt andere Herausforderungen, wobei das feucht-kalte Winterwetter oder die regelmäßigen Stromausfälle nur zwei Aspekte äußere Aspekte sind. Die Tage folgten meist einem sich wiederholenden Programm: Einfaches Frühstück und danach ab zu unseren Lernzentren. In den meisten Standorten hatten die lokalen Koordinatoren bereits Einzelgespräche mit Studenten organisiert. Somit war der Rest des Tages geprägt von Vorstellungsrunden gegenüber Schulklassen, gefolgt von persönlichen Gesprächen mit einzelnen Studenten. Dazwischen immer mal wieder ein leckeres Shawarma (Fleisch im Teig) oder ein klassischer Kebab. Kurdistan ist nichts für Vegetarier.

Während zweieinhalb Wochen traf ich mich mit rund dreidutzend Studentinnen und Studenten zu persönlichen Gesprächen. Dabei konnte ich mehr über ihre Lebensgeschichte, ihre täglichen Herausforderungen und ihre Hoffnungen für die Zukunft erfahren. Ich durfte wissbegierige und hoffnungsvolle Menschen kennenlernen. Auch spürte ich große Dankbarkeit für das Engagement der Jesuiten in den Flüchtlingscamps: „Ihr Jesuiten habt mir erst Zugang zu einer Universität verschafft.“ oder „Der Krieg hat meine Heimat und meine Zukunft zerstört. Aber durch euer Projekt habe ich eine neue Zukunftsperspektive erhalten.“ hörte ich in unterschiedlicher Weise von mehreren Studenten. Gleichzeitig erfahre ich als junger Jesuit auch meine Grenzen. Wir lernen zwar anderen zuzuhören. Aber erlittenes Unrecht können wir nicht einfach aus der Welt schaffen. Die Verletzungen und Traumata der Vergangenheit kann ich auch mit der besten ignatianischen Herangehensweise nicht einfach ungeschehen machen. Das wird vor allem dann offensichtlich, wenn die Studenten von ihrer Flucht berichten. Es gibt keinen einzigen jesidischen oder christlichen Studenten, der nicht mindestens ein Familienmitglied oder einen Freund beim Angriff des IS oder im syrischen Bürgerkrieg verloren hätte. Das erfahrene Leid verbunden mit dem Gefühl der Heimatlosigkeit ist bei vielen unverarbeitet. Das schafft Spannungen in den Camps. Den Menschen Zugang zu höherer Bildung zu ermöglichen, schafft Grundlagen für eine neue Lebensperspektive. Die meisten von ihnen träumen von einer besseren und vor allem friedvollen Zukunft – durchaus in der Region Kurdistan oder in Syrien. Andere wiederum wollen gerne eines Tages die Welt bereisen; nicht zuletzt diejenigen, welche in homogenen Gesellschaften aufwuchsen. Insbesondere junge Jesidinnen und Jesiden erhoffen von einer akademischen Bildung durch JWL den Sprung aus einer Region zu schaffen, wo sie nicht viel von der Zukunft erwarten. In Europa würde man solche Menschen wohl als Wirtschaftsflüchtlinge einstufen. Erst die persönliche Begegnung lässt durchblicken, dass es diesen Menschen nicht primär um ein besseres Einkommen geht. Viele leben in Gesellschaften mit arrangierten Ehen und dem Verbot von Liebesbeziehungen zu Menschen ausserhalb des eigenen Clans. Vor allem unser Diploma-Programm führt bei vielen jungen Menschen zu einem Umdenken. Freiheit, Gerechtigkeit und Glaube werden in neuem Licht gesehen. Und sie sprechen gerne davon, wie sehr ihre Weltsicht durch Bildung erweitert wurde.

Es bräche mir das Herz, wenn niemand im Westen von diesen Lebensgeschichten erführe. Deshalb war ein weiterer Aspekt meiner Mission, die verschiedenen Geschichten unserer Studenten auf Video und Bild festzuhalten. Das Projekt dahinter lautet: Die Stimmen unserer Studentinnen und Studenten sollen gehört werden. Die Welt soll von ihnen erfahren.

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