Wo Stille bewegt

Fabian ist Novize im zweiten Jahr. Sein letztes Experiment hat ihn ins Lassalle-Haus, ein Exerzitienhaus der Schweizer Jesuiten, geführt. Hier berichtet er von seinen Erlebnissen vor und hinter den Kulissen.

Ich wusste schon, dass Jesuiten nach Fernost aufbrachen, um in Japan und China Menschen von der Botschaft des Evangeliums zu begeistern. Ich ahnte aber kaum, dass mich das Noviziat einmal ganz hautnah in Berührung mit Zeugnissen fernöstlicher Kultur bringen würde. Und das auch noch in der Zentralschweiz, die ich in meiner Vorstellung bisher eher mit Raclette, Kirchen- und Kuhglocken als mit Räucherstäbchen, Gong und Klangschale verband.

Wie kam es dazu? Ich wurde von Januar bis Anfang März ins Lassalle-Haus nach Bad Schönbrunn im Kanton Zug geschickt, um dort mein sogenanntes „Pastoralexperiment“ zu machen. Das heißt: Ich sollte eine Einrichtung kennenlernen, in der die Jesuiten Exerzitien und Bildungsarbeit anbieten.

Dort hatte ich Gelegenheit, die Kommunität von sieben Mitbrüdern kennenzulernen – innerhalb dieses beeindruckenden Gebäudes und draußen beim Schweiz-typischen Wandern. Zu meinen Aufgaben gehörte, regelmäßig vormittags in der Küche zu helfen. So konnte ich den Betrieb, der bis zu 100 Gäste versorgt von einer ganz anderen Seite sehen. Die Jesuiten übernehmen dabei Verantwortung für viele Mitarbeitende, müssen hier aber auch keineswegs als einsame Helden arbeiten. Ich bin sehr froh, dass es hier viele hoch motivierte Menschen gibt, die das Werk mittragen. Das macht Mut für die Zukunft, denn allein gelassen werden die Jesuiten mit ihren Anliegen auch heute nicht. Ich habe hier Wichtiges gelernt über die Zusammenarbeit mit Nicht-Jesuiten. Für beide Seiten ist es hilfreich, wenn gegenseitige Hochachtung herrscht und sich Jesuiten auch mal mit einfachen, vielleicht etwas weniger reizvollen Tätigkeiten „die Hände schmutzig machen“. Außerdem wünscht sich Ignatius den Gehorsam auch beim Arbeiten in der Küche: Ich mache es so, wie der Küchenchef es will, denn das geht schneller und hilft ihm einfach mehr.

Kartoffeln schälen war aber nicht alles, was ich tat. So nahm ich auch an unterschiedlichen Kursen teil. Beispielsweise habe ich mit 35 anderen Gästen in der Hebräisch-Woche Texte aus dem Alten Testament erarbeitet und dabei erlebt, wie Jesuiten den interreligiösen Dialog mit dem Judentum heute pflegen. Ich nahm außerdem an einer Einführung in die Zen-Meditation teil. Jesuiten wie Hugo Lassalle und Niklaus Brantschen haben sie vor Jahrzehnten nach Europa gebracht. Diese Kurse dienen nicht nur dem Dialog mit dem Buddhismus, sondern sind auch Element der jesuitischen Seelsorge. Nicht nur in der Schweiz lassen sich Menschen dafür begeistern, über diese sehr alten Meditationsformen in der Stille die Gegenwart wahrzunehmen. Mir gefällt es sehr, dass die Jesuiten so mutig und entdeckungsfreudig bleiben und uns westlichen Menschen auch solche Möglichkeiten zur spirituellen Erfahrung bieten. Zwar war es mir zunächst fremd und stundenlang still sitzen ist schwieriger, als es sich anhört – Aber mit etwas Übung half mir diese Meditationsform, mich in der Gegenwart Gottes wiederzufinden.

Selbstverständlich pflegen die Jesuiten im Lassalle-Haus auch die ihnen mehr eigenen spirituellen Traditionen der Kontemplation und der ignatianischen Exerzitien. Viele Menschen kommen hierher, um in diversen Kursen „ihr Leben zu ordnen“, wie Ignatius sagt. Auch in diesem Bereich durfte ich mich ein bisschen ausprobieren: Als Begleitung eines Einführungskurses für junge Erwachsene. Dort staunte ich, wie Gott hier in der Seele jedes Einzelnen wirkt. Die Teilnehmenden haben mir, obwohl älter als ich, Vertrauen geschenkt und mir mitgeteilt, was sich durch die Stille und das Beten mit den biblischen Szenen in ihrem Inneren bewegt. Ich weiß aus eigener Exerzitienerfahrung, wie entscheidend ein sorgfältiges und aufmerksames Gespräch darüber ist und habe mich dafür selbst im Gebet Gott anvertraut, dass er das Geschehen führe.

Es gehört von Anfang an zu den Prinzipien der Seelsorge der Jesuiten, ihre Arbeit den je gegenwärtigen Bedingungen anzupassen. In der Schweiz heißt das heute, die verbreitete religiöse Entwurzelung anzunehmen und trotzdem in dem Anliegen, in allen Dingen Gott zu finden, vertrauensvoll voranzugehen. Ich habe erlebt, dass die Mitbrüder genau das tun und sich von Rückschlägen oder Sorgen nicht entmutigen lassen. Darum kehre ich mit noch immer lebendigen Eindrücken von Jesuiten, die mit ganzem Herzen „den Seelen helfen“ gestärkt ins Noviziat zurück.

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